„Die Mädchen gewinnen an Selbstvertrauen“ ‒ Welche Rolle spielt gendersensibler Unterricht in der Mathematik?

Studien zufolge haben Schülerinnen genauso viel Talent für Mathematik wie ihre männlichen Klassenkameraden. Warum schneiden Mädchen bei Leistungstests wie PISA trotzdem nicht so gut ab wie Jungen? Wie können Lehrpersonen didaktisch gegensteuern? Damit befasst sich ein  Artikel in den „Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung“ (MDMV, Ausgabe 23/2015).

Die Mathematiklehrerin Silke Fleckenstein, Doktorandin an der Universität Potsdam und DZLM-Mitarbeiterin, erforscht den gendersensiblen Unterricht und untersucht die besonderen Bedürfnisse von Mädchen im Mathematikunterricht. Sie führte in Zusammenarbeit mit mehreren Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt Versuche mit geschlechtergetrennten Lerngruppen im Unterricht durch. Und stellte fest: „In der Mädchengruppe zeigte sich, wie sehr die Mädchen an Selbstvertrauen gewinnen. Das hätte ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet.“ Einige der Schülerinnen gaben an, sich im gemischten Mathematikunterricht nicht so viel zuzutrauen.

Mädchen gehen offenbar an viele Fragestellungen emotionaler heran  ‒ das hat Silke Fleckenstein auch als Lehrerin in ihrem eigenen Unterricht mit geschlechtergetrennten Lerngruppen beobachtet. Hinsichtlich des Lernstands seien Jungen und Mädchen am Ende gleichauf gewesen, jedoch hätten sie ihn auf jeweils anderen – eben geschlechterspezifischen ‒ Wegen erreicht, sagt sie.

Mädchen erleben geschlechtergetrennte Lerngruppen als entspannter

Auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben ähnliche Untersuchungen dazu angestellt, etwa Anina Mischau, Professorin für Gender Studies an der Freien Universität Berlin. Einer ihrer Studien zufolge trauen sich viele Mädchen offenbar nicht, ihren eigenen, geschlechtsspezifischen Lösungswegen auch im alltäglichen, gemischten Unterricht konsequent zu folgen. Zum einen, weil Lehrerin oder Lehrer sie häufig in diesem Ansatz nicht bestärken. Zum anderen, weil sie befürchten, von den sehr viel forscher und selbstbewusster auftretenden Jungen ausgelacht zu werden. Die getrennten Lerngruppen dagegen erleben sie offenbar als entspannter und beteiligen sich stärker an Unterrichtsgesprächen.

 
Die Schulnoten der Schülerinnen haben sich den Lehrerinnen und Lehrern zufolge durch den getrennten Unterricht aber nicht verändert. DZLM-Mitarbeiterin Silke Fleckenstein hält einen phasenweise geschlechtergetrennten Unterricht dennoch für bedenkenswert, weil er Mädchen die Chance gäbe, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Sie wird nun, basierend auf ihren Ergebnissen, eine Fortbildung für das DZLM zu dem Themenkomplex entwickeln.

Können genderspezifische Ansätze das Problem lösen?

Es gibt derzeit verschiedene Ansätze, bereits Lehramtsstudierende gendersensibel auszubilden und entsprechende Lehrveranstaltungen an den Hochschulen anzubieten, etwa an der Freien Universität Berlin, wo diese Seminare laut Anina Mischau stark nachgefragt werden. Mischau sieht darin auch eine Möglichkeit, herrschende Geschlechterstereotypen à la „Jungen können Mathe, Mädchen Sprachen und Kunst“ aufzubrechen.

Der Mathematikdidaktiker Ulrich Kortenkamp, Professor an der Universität Potsdam, hält den Genderansatz zwar für sinnvoll, würde das Problem aber lieber grundsätzlich und nicht allein auf die Geschlechterfrage bezogen angehen: „Die Frage ist, wie können wir Unterricht so gestalten, dass er alle mitnimmt und nicht zum Nachteil des einen oder anderen geht. Dafür müssen Lehrerinnen und Lehrer lernen, auf verschiedene Lerntypen einzugehen. Ich glaube nicht, dass das mit einem genderspezifischen Ansatz gelöst werden kann.“

Denn ein viel größeres Hindernis bei dem Thema „Mädchen und Mathematik“ ist für ihn der prägende Einfluss der Umwelt: „Die Gesellschaft erwartet von Mädchen, dass sie kein Mathe können. Das ist ein viel größeres Problem als der Unterricht an sich.“ Konsequenterweise müsste sich also auch gesellschaftlich etwas ändern: nämlich an der Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit, aber auch bereits in Kindergärten oder in den Familien selbst Stereotypen gepflegt und den Kindern vermittelt werden.