„Wir brauchen mehr professionelle Lerngemeinschaften“ – Reaktion auf Studie zur Kooperation von Lehrpersonen

Am heutigen Donnerstag sind die Ergebnisse einer deutschen Studie zur Kooperation von Lehrpersonen erschienen, wie sie mit der TALIS-Studie der OECD (2013) auch für andere Länder bereits vorliegen. An der Untersuchung nahmen insgesamt 1015 Lehrpersonen der Sekundarstufe I teil, die an staatlichen allgemeinbildenden Schulen unterrichten. 

DZLM-Abteilungsleiterin Prof. Dr. Bettina Rösken-Winter beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema professionelle Lehrerzusammenarbeit und hat die Ergebnisse für uns eingeordnet. Die unter anderem von unserer Förderin, der Deutsche Telekom Stiftung, beauftragte Studie findet man hier.
 

Frau Rösken-Winter, warum gab es überhaupt eine Studie zur Kooperation, ist es nicht ganz selbstverständlich, dass Lehrende kooperieren?

Noch vor einigen Jahren konnte man den Lehrerberuf eher als Einzelkämpfertum beobachten – das ist auch nicht verwunderlich, man steht ja meist allein vor der Klasse. Aber: Innovation und Weiterentwicklung von Unterricht sind Herausforderungen, die die einzelne Lehrperson alleine im Alltag kaum mehr leisten kann – besonders bei immer heterogeneren Lerngruppen und vielen Zusatzaufgaben. Da können wir einen Wandel beobachten, bis hin zu Formen der professionellen, wirklich strukturierten Kooperation.

Hängt der Kooperationswille denn mit der Qualität der Schulen zusammen?

Ja, das scheint tatsächlich ein wichtiger Faktor zu sein. Empirische Studien haben gezeigt, dass in nachweislich guten Schulen das Ausmaß an Kooperation höher und vor allem die Art der Kooperation zwischen den Lehrenden anspruchsvoller ist als in weniger erfolgreichen Schulen (zum Beispiel Klieme & Terhart (2006). Kooperation im Lehrerberuf).

In der neuen Studie zur Lehrerkooperation haben sich die deutschen Lehrpersonen als sehr kooperationsfreudig erwiesen. 97 Prozent halten es zum Beispiel für wichtig, mit anderen Lehrpersonen zusammenzuarbeiten. Was kann noch verbessert werden?

Die Frage ist, wie die Zusammenarbeit aussieht: Austausch, zum Beispiel über gemeinsame Schülerinnen und Schüler oder Materialien, findet laut der Studie schon sehr viel statt – das ist sehr erfreulich. Nachholbedarf haben wir bei der sogenannten Ko-Konstruktion. Das sind strukturierte Kooperationsformen wie zum Beispiel gemeinsame Unterrichtsentwicklung und gegenseitiges Hospitieren im Unterricht, die sehr viel Zeit und Energie kosten und daher natürlich seltener sind. Und auch komplexer – wir sind überzeugt davon, dass man für diese Art der Zusammenarbeit klare Strategien braucht – und natürlich auch Raum und Zeit.

Wie wird aus dem einfachen Austausch eine strukturierte Zusammenarbeit?

Zum Beispiel durch so genannte Professionelle Lerngemeinschaften (PLGen). Sie gelten als wirksamer Ansatz um den Unterricht kooperativ weiterzuentwickeln. In PLGen reflektieren Lehrpersonen gemeinsam ihren Unterricht, entwickeln und erproben zusammen neue Ideen für die Praxis. Um solche PLGen anzustoßen, haben wir nach unseren guten Erfahrungen im Projekt PIKAS für die Grundschule zum Beispiel in Hamburg gemeinsam mit der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) und dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) 22 Lehrerinnen und Lehrer speziell dafür ausgebildet, solche PLGen zu initiieren und zu begleiten (zum Erfahrungsbericht). Die Studie hat gezeigt, dass wir noch viel mehr solche PLGen brauchen.

Wie unterstützt das DZLM die PLG-Begleiterinnen und -Begleiter in der täglichen Arbeit?

Wir vermitteln den Kursteilnehmenden Konzepte zu PLGen, die forschungsbasiert sind und sich in der Praxis etabliert haben. Sie bekommen auch Einblicke in Fortbildungsdidaktik, denn erfahrene Erwachsene zu beraten ist natürlich etwas ganz anderes, als Schülerinnen und Schüler zu unterrichten. Darüber hinaus unterstützen wir auch mit Materialien, die bei der täglichen PLG-Arbeit helfen und regen durch Treffen mit anderen PLG-Begleitenden zu einer schulübergreifenden Zusammenarbeit an – an diesem „über den Tellerrand der eigenen Schule schauen“ fehlt es laut der Studie zum Teil auch noch. Für die Zukunft planen wir, die tägliche Arbeit der PLG-Begleitenden und ihre Wirksamkeit noch weiter zu erforschen und die bestehenden Programme weiter zu streuen.

Was sind Hemmnisse und wie können wir sie überwinden?

Wie bei jedem anderen Job auch braucht man Vertrauen, um sich zum Beispiel bei Hospitationen in die Karten schauen zu lassen. Wir hoffen, dass unsere PLG-Begleitenden dort als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren Überzeugungsarbeit leisten können, wo sie noch gebraucht wird, und ihre Erfahrungen andere anstecken.

Natürlich braucht man auch Zeit für diese Art des Austauschs, auf vielen Veranstaltungen im letzten Jahr wünschten sich die Lehrerinnen und Lehrer mehr „Austauschzeiträume“ (zum Beispiel auf der ZEIT Konferenz Schule & Bildung sowie auf der Tagung zu 15 Jahre PISA). Wir arbeiten eng mit der Bildungsadministration zusammen, um die bestmöglichen Rahmenbedingungen gemeinsam zu schaffen. Auch der Schulpädagogikprofessor Hilbert Meyer hat vor kurzem in einem SZ-Interview vorgeschlagen, Lehrpersonen, die viel für die Schul- und Unterrichtsentwicklung tun, gerechter zu entlasten. Im Moment engagieren sich viele Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Freizeit, auch bei Formaten wie dem Deutschen Lehrerforum oder dem wöchentlichen Twitterchat Edchat.