Lehrerkooperation in der Praxis: „Den Austausch über den eigenen Unterricht institutionalisieren"

Seit 2014 leitet der Hamburger Mathematiklehrer Jirko Michalski an seiner Schule eine Professionelle Lerngemeinschaft (PLG) mit Kolleginnen und Kollegen. Sich über die Unterrichtsentwicklung auszutauschen ist zu einer Institution geworden, auf die keiner der Beteiligten mehr verzichten möchte. Wie funktioniert die PLG und wie hat eine DZLM-Fortbildung Michalski darauf vorbereitet?

Vor der Klasse stehen, Schülerinnen und Schüler individuell fördern, fordern und bewerten – das tun Lehrpersonen in ihrem Alltag meist allein. Eine neue Studie zu kooperativen Arbeitsbeziehungen bei Lehrpersonen der Sekundarstufe I, unter anderem initiiert von der DZLM-Förderin Deutsche Telekom Stiftung, zeigt: Deutschlands Lehrerinnen und Lehrer wollen eigentlich keine Einzelkämpfer sein, viele möchten gerne ihr Wissen und ihre Ideen über und zu einem guten Unterricht mit anderen teilen. Seit 2014 leitet Jirko Michalski an der Hamburger Julius-Leber-Schule eine sogenannte Professionelle Lerngemeinschaft (PLG): Sechs Kolleginnen und Kollegen aus der Mathematik treffen sich regelmäßig zum Austausch, besuchen einander im Mathematikunterricht und entwickeln gemeinsam neue Ideen.

Herr Michalski, viele Lehrerinnen und Lehrer vermissen die Möglichkeit, sich mit Kolleginnen und Kollegen offen und intensiv über den Arbeitsalltag auszutauschen. Wie nehmen Sie selbst denn Ihren Beruf wahr: Als Einzelkämpfer-Dasein oder doch als Teamplayer-Aufgabe?

_DSC5240._Beschnitt.jpgIch weiß, dass es für manche Lehrerin oder manchen Lehrer ein Tabu ist, zuzugeben, dass man ein Problem im Unterricht hat und auch mal mit den eigenen Konzepten scheitert. An der Julius-Leber-Schule haben wir allerdings großes Glück: Wir können so etwas bei uns im Kollegium immer offen ansprechen. Von Einzelkämpfertum kann hier sicherlich nicht die Rede sein.

Hat Ihre Schulleitung hat Sie bei der Einrichtung Ihrer PLG unterstützt?

Ja, hundertprozentig. Kooperationen im Kollegium werden sehr gefördert. Ich bin mit meinem Wunsch, eine PLG einzurichten und zu moderieren, offene Türen eingerannt. Wir haben an unserer Schule Beratungslehrerinnen und -lehrer, die für Gespräche zur Verfügung stehen, darüber hinaus tauschen wir uns in den Unterrichtspausen aus und bei Bedarf setzt sich hin und wieder auch ein Kollege oder eine Kollegin mal mit in den Unterricht und hört und schaut zu. Was bislang aber fehlte war eine Institutionalisierung des Austausches über den eigenen Unterricht – als festes Instrument einer professionellen Unterrichtsentwicklung und auch -verbesserung.

Was macht eine PLG im Vergleich mit anderen Formen der Kooperation so effektiv – und was muss man beachten, wenn man so etwas einrichten möchte?

Wichtig ist, dass die Gruppe nicht zu groß ist. Wir sind, inklusive mir, sieben Personen. Mehr sollten es nach Möglichkeit nicht sein. Unsere etwa alle sechs Wochen stattfindenden Treffen sind strukturiert, folgen festen Ritualen, bieten Kontinuität. Dazu kommen natürlich noch die regelmäßigen Unterrichtshospitationen, von denen die PLG-Teilnehmenden wirklich sehr profitieren. Vor allem aber haben wir uns ein festes Thema beziehungsweise ein klares Ziel gesetzt: Gute Wege zu finden, wie wir starke Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht stärker fördern können, und gemeinsam Kriterien dafür zu entwickeln. Eine PLG braucht unbedingt ein definiertes Ziel, damit sie gut funktionieren kann.

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Welche Rituale haben Sie als Moderator für die PLG-Treffen etabliert?

Wir gehen zu Beginn immer gemeinsam Beispielaufgaben durch. Dafür bereite ich Arbeitsblätter vor. Danach knüpfen wir an die Themen an, zu denen wir beim letzten Treffen gearbeitet haben, werten unsere gegenseitigen Unterrichtshospitationen aus und geben uns detaillierte Rückmeldungen. Außerdem gebe ich Ideen und Materialien weiter, die ich von Tagungen und Fortbildungen mitgebracht habe.

Sind alle Kolleginnen und Kollegen am Ball geblieben, mit denen Sie vor knapp zwei Jahren begonnen haben?

Ja, alle sind noch dabei. Wir werden in Kürze vor der Fachkonferenz – also vor allen anderen Mathematiklehrerinnen und -lehrern unserer Schule – die Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit in der PLG vorstellen. Das ganze Kollegium soll ja von unserer Arbeit profitieren können. Das ist natürlich ein zusätzlicher Ansporn.

Sie hatten vorher an einer mehrteiligen Fortbildung des DZLM zur Begleitung von PLGen teilgenommen. Wie wurden Sie dort auf Ihre Aufgabe vorbereitet?

_DSC5431_Beschnitt.jpgWir haben sehr nützliche praxisbezogene Anleitungen, Anregungen und Materialien für die Organisation und Durchführung einer PLG bekommen. Darüber hinaus haben wir uns im Rahmen des Kurses auch viel selbst erarbeitet – zum Beispiel grundsätzliche Dinge wie: Was wollen wir eigentlich mit den PLGen an unseren Schulen erreichen? Welche Bedingungen müssen überhaupt erfüllt sein, damit unsere PLGen gut arbeiten können? Wie kommunizieren wir mit der Schulleitung über diese Bedürfnisse? Und wie kommunizieren wir untereinander? Auf diese Fragen sollte man Antworten finden, damit eine PLG zum Erfolg werden kann.

Welchen Nutzen haben Sie darüber hinaus aus der Fortbildung gezogen?

Sehr gut und nützlich finde ich, dass wir 22 Kurs-Teilnehmenden ein schulübergreifendes Netzwerk geknüpft haben. Alle haben inzwischen ihre PLGen eingerichtet. Wir treffen uns weiterhin, geben uns gegenseitig Supervision und tauschen uns darüber aus, was in den jeweiligen PLGen gut läuft und was nicht. So lernen wir aus den Fehlern und Erfolgen der anderen.

Im normalen Arbeitsalltag leiten Sie Schülerinnen und Schüler an. In der PLG dagegen erwachsene Kolleginnen und Kollegen, die zum Teil länger im Beruf sind als Sie selbst. War das für die eine oder andere Seite am Anfang schwierig?

Nein, denn an unserer Schule finden regelmäßig interne Fortbildungen statt, die wir Kolleginnen und Kollegen selbst durchführen. Etwa wenn es um interessante neue Lehrmethoden oder Tools für den Unterricht geht und bestimmte Kolleginnen und Kollegen sich auf dem Gebiet schon gut auskennen. Auch das ist ja eine Form von Erwachsenenbildung.

 

Das sagen die PLG-Kolleginnen und -Kollegen: 

_DSC5269_Murat Aylar_Ausschnitt.jpgMurat Aylar: „Ich finde es wichtig, durch die Hospitationen Einblicke zu erhalten, wie die Kolleginnen und Kollegen ihren Mathe-Unterricht gestalten und wie sie mit grundlegenden Fragestellungen umgehen. Das ist auch eine gute Gelegenheit, sich selbst zu hinterfragen – ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist. Manchmal ist man nämlich einfach festgefahren und man verliert dabei aus den Augen, dass es noch Alternativen zum eigenen Unterrichtskonzept gibt.“


 

_DSC5365_Ausschnitt.jpgPia Hommers: „Die Tatsache, dass wir durch die gemeinsame Unterrichtsentwicklung an einem Strang ziehen, ist  wichtig und motivierend. Das wird an der Julius-Leber-Schule sehr gefördert: Wer eine tolle Idee hat, teilt sie gerne mit anderen – und in der PLG wird dieses Teilen von Wissen noch intensiviert. An meiner früheren Schule war das leider nicht so. Dort hatte ich den Eindruck, dass vor allem die älteren Kollegen ihr Wissen am liebsten für sich behalten wollten und ihre Aufgaben und Arbeitsblätter für den Unterricht unter Verschluss gehalten haben."


 

_DSC5298_Ausschnitt_Thies.jpgFrank Thies: „Das Tolle an der Professionellen Lerngemeinschaft ist, dass wirklich etwas hängen bleibt und man am Ball bleibt. Wenn man normale Fortbildungen besucht, probiert man das danach aus. Klappt die Methode nicht, lässt man es dann oft wieder, und es bleibt nicht viel hängen. In der PLG dagegen werden Unterrichtskonzepte, die nicht auf Anhieb funktionieren, im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen überarbeitet und neu ausprobiert. Das ist professionelles, nachhaltiges Arbeiten. Und: Im Unterricht der anderen fallen einem manchmal Kleinigkeiten auf, die aber bei den Schülerinnen und Schülern große Wirkung entfalten.“