Mathematische Kompetenzen von Grundschulkindern – „TIMSS-Ergebnisse weder erfreulich noch bedenklich"

Deutschland liegt bei den heute veröffentlichten Ergebnissen der TIMSS-Studie 2015 im internationalen Vergleich im Mittelfeld, in Europa sogar unter dem Durchschnitt. Untersucht wurden die mathematischen Kompetenzen von Grundschulkindern.

Prof. Dr. Christoph Selter, Abteilungsleiter am DZLM, ist zum dritten mal Mitglied des Konsortiums von TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) und leitet den mathematischen Teil der Untersuchung. Er hält die Ergebnisse weder für erfreulich noch für bedenklich. Im Interview ordnet er die Ergebnisse ein.

Herr Selter, was hat sich im Vergleich zu den Ergebnissen der letzten TIMSS-Studien 2007 und 2011 in Deutschland verändert?

Deutschland liegt mit 522 Punkten international im Mittelfeld, hat sich aber im Vergleich zu den letzten beiden Studienteilnahmen 2007 und 2011 leicht verschlechtert und liegt unter dem OECD- und auch unter dem EU-Durchschnitt. Nicht wesentlich verändert hat sich der Anteil sehr starker Schülerinnen und Schüler, der über die Jahre hinweg nur ca. 5% beträgt, und der Anteil schwacher Lernender von nahezu ein Viertel.

Hat Deutschland auf die Ergebnisse von 2011 zu wenig reagiert und halten Sie das diesjährige Ergebnis für bedenklich?

Das Ergebnis von TIMSS 2015 ist nicht erfreulich, aber es ist auch nicht bedenklich. Lehrerinnen und Lehrer an der Grundschule arbeiten unter immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen. Denken Sie an steigenden Medienkonsum, Pluralität der Lebensformen, zunehmende Individualisierung oder den Wertewandel in Bezug auf Bildung und Erziehung. Die Heterogenität wird durch steigende Migration und die zunehmende Umsetzung von Inklusion noch größer. Es wird dadurch alles andere als einfacher, individuelle Potenziale und Probleme zu erkennen – und immer schwieriger, auf dieser Grundlage die passenden Förderangebote bereit zu stellen. Diese sollen ja wirklich zielführend sein und die Kinder nicht nur in Beschäftigung halten.

Staatssekretär Stefan Müller sagte auf der heutigen Pressekonferenz: „Auf den ersten Blick gibt es kaum Verbesserungen, auf den zweiten Blick gibt es aber erfreuliche Entwicklungen“ – welche sind das?

Zur Einordnung der Ergebnisse muss man folgendes berücksichtigen: Die Untersuchungspopulationen von 2007, 2011 und 2015 unterscheiden sich. Im Vergleich zu TIMSS 2007 sinkt der Anteil an Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund, während sich im Vergleich von TIMSS 2011 zu TIMSS 2015 ein signifikanter Anstieg der Kinder mit Migrationshintergrund (beide Elternteile im Ausland geboren) feststellen lässt. Es gab in 2015 mehr Kinder aus armutsgefährdeten Familien als in 2011. Auch zeigt sich für TIMSS 2011 und 2015 im Vergleich zu TIMSS 2007 ein gestiegener Anteil an Kindern mit besonderen Unterstützungsbedarfen in den TIMSS-Stichproben. Der Anteil der Förderschüler stieg von drei Prozent im Jahr 2007 auf sechs Prozent im Jahr 2015.

In Mathematik sind unter Berücksichtigung von Veränderungen in der Schülerschaft die durchschnittlichen Leistungen aus 2007 zu 2011 signifikant um 11 Leistungspunkte gesunken und von TIMSS 2011 zu 2015 statistisch signifikant um 8 Punkte gestiegen. Damit wurde in TIMSS 2015 wieder das Leistungsniveau von TIMSS 2007 erreicht. Also: Es gibt auch erfreuliche Ergebnisse.

International liegen seit 20 Jahren die ostasiatischen Länder vorne. Sollten deutsche Lehrpersonen sich hier etwas abschauen? In England gibt es zum Beispiel ein Lehrer-Austauschprogramm mit Shanghai. Sollte es das in Deutschland auch geben?

Nun, ob es sinnvoll ist, ein Einbahnstraßenlernen vorzusehen, weiß ich nicht. Aber natürlich ist es sinnvoll, gegenseitig voneinander zu lernen. Dabei muss man aber immer auch die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe und die bildungspolitischen Traditionen beachten. Man kann nicht ein System, das in einem Land gut zu funktionieren scheint, auf ein anderes Land 1:1 zu übertragen. Aber wir können von anderen Ländern sicher lernen, wie der Unterricht alle Schülerinnen und Schüler kognitiv stärker aktivieren kann. Das fernöstliche intensive Nachhilfesystem, das die Schülerinnen und Schüler teilweise bis 22 Uhr fordert, wollen wir in Deutschland vermutlich nicht realisieren.

Was sollten die Konsequenzen aus den diesjährigen Ergebnissen sein?

Kultusministerin Claudia Bogedan hat das so zusammengefasst: Die Studie zeigt, dass wir sowohl am unteren als auch am oberen Ende des Leistungsspektrums ansetzen müssen". Wir müssen Schülerinnen und Schüler weiterhin mit angemessenen Fördermaßnahmen unterstützen und bestmöglich individuell fördern – dieser Aspekt sollte in Lehreraus- und  fortbildung noch stärker in den Fokus rücken. Bei der Gruppe der Leistungsstarken liegt Deutschland da auch im europäischen Vergleich zurück – nur knapp 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen wie gesagt die höchste Kompetenzstufe.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Dass es vielen anderen Ländern gelingt, die Testergebnisse über die Jahre hinweg zu steigern, während Deutschland seit 2007 mehr oder weniger stagniert.
 

Die Studie
Die TIMSS-Studie (Trends in International Mathematics and Science Study) ist eine internationale Vergleichsstudie, an der sich Deutschland im Jahr 2015 zum dritten Mal nach 2007 und 2011 mit der 4. Jahrgangsstufe beteiligt hat. Im Zentrum der Untersuchung stehen mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Die Haupterhebung von TIMSS 2015 fand in Deutschland im Frühsommer 2015 in allen 16 Bundesländern statt, gemäß einer Vereinbarung zwischen der KMK und dem Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Untersucht wurde eine für Deutschland repräsentative Stichprobe, die etwa 200 Schulen umfasste.

Die Aufgaben
Die in TIMSS eingesetzten Leistungstests umfassen Aufgaben, unterschiedlichen kognitiven Anforderungsgrades (z.B. Problemlösen), aus unterschiedlichen inhaltlichen Bereichen (z.B. Arithmetik). Jedes Kind bearbeitet in je 40 Minuten Aufgaben aus den Bereichen Naturwissenschaften und Mathematik. Teilweise sind vorgegebene Antwortalternativen zu den Fragen gegeben, teilweise müssen Antworten selbst formuliert werden. (Quelle: IFS TU Dortmund)