DZLM-Jahrestagung 2012: Die DZLM-Familie soll weiter wachsen

250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauschten sich auf der 1. Jahrestagung des DZLM über „Neue Impulse für die Lehrerfort- und Weiterbildung“ aus – Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Ties Rabe, diskutiert mit Wissenschaftlern und Lehrkräften

Zuhörer     Atmosphäre
Über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Austausch auf der 1. Jahrestagung des DZLM 

Berlin. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Elmar Tenorth hat – sinngemäß – einmal geschrieben: Lehrer ist man nicht automatisch nach der abgeschlossenen Ausbildung – Lehrer wird man erst durch den Beruf. Und ein guter Lehrer wird man durch regelmäßige Fortbildungen.

Diese Sätze sind Aufmunterung und Ansporn zugleich für Mathematiklehrer wie für ihre fachfremd unterrichtenden Kollegen, die nach neuen Ideen für ihren Unterricht suchen. Die 1. Jahrestagung des Deutschen Zentrums für Lehrerbildung Mathematik (DZLM) am 21. September bot den 250 Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmern eine gute Gelegenheit, sich im Kollegenkreis genau darüber auszutauschen. Die Räumlichkeiten der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom AG boten den nötigen Rahmen dafür.Berlin. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Elmar Tenorth hat – sinngemäß – einmal geschrieben: Lehrer ist man nicht automatisch nach der abgeschlossenen Ausbildung – Lehrer wird man erst durch den Beruf. Und ein guter Lehrer wird man durch regelmäßige Fortbildungen.

In den Gesprächen und in den fünf Workshops der Tagung wurde klar: Lehrer und Lehrerinnen wünschen sich praxisbezogene und schnell im Unterrichtsalltag anwendbare Fortbildungen – und leiten daraus auch eine entsprechende Erwartung an das Angebot des DZLM ab. Themen der Workshops waren, kurzgefasst: Inklusiver Unterricht, Diagnosegeleitete Förderung, Ansätze für das „differenzierte Differenzieren“, Professionelle Lerngemeinschaften (Lehrer erforschen ihren Unterricht) und die sinnvolle Integration von Computern beim Lernen und Lehren.

Jürg Kramer
Prof. Dr. Jürg Kramer

„Es ist ein wenig wie beim Bau eines Hauses: Erst haben wir das Fundament gelegt. Dann kam das Erdgeschoss, dann der erste Stock. Und in den nächsten Monaten und Jahren kommen weitere Stockwerke hinzu“, stimmte Prof. Dr. Jürg Kramer, Direktor des DZLM, die Teilnehmer auf das Thema der Tagung ein. Kramers Bild vom Bau eines Hauses bezieht sich eigentlich auf die Entstehungsgeschichte des DZLM, kann aber ebenso gut als Sinnbild für die berufliche (Weiter-) Entwicklung von Lehrerinnen und Lehrern gelten. 

Das Motto des DZLM – „Mathe. Lehren. Lernen“ – steht für einen Prozess, an dem alle Beteiligten mitwirken. Denn beste Kritikerin und Ideengeberin für die Konzeption der Kurse und Workshops für Multiplikatoren und Lehrer ist die Zielgruppe selbst. „Die DZLM-Familie soll weiter wachsen“, sagte Jürg Kramer und bezog das sowohl auf das wachsende Angebot des Zentrums, dem sich bald Weiterbildungsstudiengänge zugesellen werden, als auch auf die lebhafte Teilnahme an der Tagung.

Ans Rednerpult traten prominente Mitstreiter für einen guten Mathematikunterricht wie Dr. Klaus Kinkel, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung, die das DZLM mitinitiiert hat und fördert, sowie Ties Rabe, Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK).

Klaus Klinkel     Ties Rabe
Dr. Klaus Kinkel (links) und Ties Rabe (rechts) 

Klaus Kinkel wies auf zwei schwerwiegende Probleme hin: Zum einen, sagte Kinkel, würde an vielen deutschen Universitäten die Ausbildung der Mathematiklehrer nicht ernst genommen. Die jungen Lehramtskandidaten würden oft als Mathematiker zweiter Klasse betrachtet und entsprechend wenig motiviert. 

Weiter nannte Kinkel das durch den Bildungsföderalismus bedingte Kooperationsverbot von Bund und Ländern. „Ich finde es bedauerlich, dass die Bundesregierung eine Abschaffung des Kooperationsverbotes nur auf den Hochschulbereich beschränken will. So ist dem Bund die Möglichkeit genommen, die Lehreraus- und -fortbildung in den Ländern gezielt zu fördern. Davon würde auch das Unterrichtsfach Mathematik sehr profitieren.“

KMK-Präsident Ties Rabe, der in Hamburg Senator für Schule und Berufsbildung ist, bringt selbst Erfahrungen als Gymnasiallehrer mit. Er betonte: „Gute Kenntnisse in Mathematik müssen so selbstverständlich sein wie Lesen und Schreiben.“ Rabe bestritt gemeinsam mit dem DZLM-Direktor, der Grundschullehrerin Lilo Verboom und der Gymnasiallehrerin Heidrun Rodner die anschließende Diskussionsrunde zum Thema der Tagung. Er sagte, die Weichen für einen guten Unterricht könnten bereits in den ersten Studiensemestern gestellt werden: „Eine umfassende Beratung muss zu Studiumsbeginn stattfinden, damit die jungen Leute erkennen können, ob das Lehramtsstudium überhaupt das Richtige für sie ist.“

Podiumsdiskussion  
Podiumsdiskussion

In der Diskussionsrunde, die die Bildungsjournalistin Kate Maleike (Deutschlandfunk) moderierte, wurde deutlich: Vielen Lehrern fehlt der zeitliche Freiraum für Fortbildungen. Diese fänden oft zu ungünstigen Zeiten, unmittelbar nach dem Unterricht, statt, gab Lilo Verboom die Kritik vieler ihrer Kollegen weiter. Und Heidrun Rodner ergänzte, Lehrer sollten ihre Fortbildung im Rahmen ihres Stundensolls absolvieren dürfen. 

Als Wissenschaftler vermittelten Prof. Dr. Elsbeth Stern, Professorin für Lehr-Lern-Forschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, und der Mathematiker Prof. Dr. Martin Skutella (Technische Universität Berlin) in anschließenden Vorträgen ihre Sicht auf eine sinnvolle Gestaltung des Mathematikunterrichts.

Skutella demonstrierte in seiner unterhaltsamen Präsentation, wie sich mit Hilfe der Mathematik optimale Evakuierungs- und Fluchtwege ermitteln lassen. Elsbeth Stern erläuterte dem Publikum, wie und wo sich, ihrer Meinung nach, im Mathematikunterricht, vor allem auf den Gymnasien, große Defizite zeigen. „Dort überwiegt der frontale Unterricht oder auch der dorsale – also mit dem Rücken zur Klasse“, erklärte Stern. Zudem erweckten einige Lehrer den Eindruck, die „Mathematik vor ihren Schülern schützen zu müssen.“

Elsbeth Stern     Martin Skutella
Prof. Dr. Elsbeth Stern (links) und Prof. Dr. Martin Skutella (rechts)

So könne Mathematikunterricht jedoch nicht nachhaltig wirken. Wertvolles Potenzial werde nicht genutzt: Bereits kleine Kinder verfügten nämlich über eine natürliche Rechenbegabung und ein Verständnis für Zahlen. Es sei Aufgabe eines guten Unterrichts, diese Begabung zu fördern, sagte Stern: „Mathematische Kompetenz ist eigentlich auf eine einfache Formel zu bringen: Allgemeine Intelligenz multipliziert mit einer anregenden Lernumgebung.“ Doch an vielen deutschen Schulen fehle diese Anregung.

Elsbeth Sterns Vortrag führte zu einer lebhaften Diskussion mit dem Publikum, denn etliche Tagungsteilnehmer waren durchaus anderer Meinung als die Wissenschaftlerin. Viele der anwesenden Lehrerinnen und Lehrer haben in ihrem Arbeitsalltag andere Erfahrungen gemacht; so kam es zu interessanten Gesprächen mit der Referentin über das Für und Wider ihrer Thesen.

 

Wie ist Ihre Meinung zu Elsbeth Sterns Vortrag?

Nachzulesen ist die Präsentation hier: „In Serpentinen zum Gipfel: Vorschläge für einen nachhaltigen Mathematikunterricht vom Kindergarten bis zur Hochschulreife“