DZLM-Jahrestagung 2014: Von der Wissenschaft in die Praxis – Fortbildungen zum Anfassen

     
Über 260 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der 2. Jahrestagung des DZLM
 

Regelmäßige Fortbildungen gehören zum Lehreralltag. Auf der Website des DZLM finden Interessierte eine Fülle von Informationen dazu. Doch wie sehen solche Fortbildungen in der Realität aus? Das haben die Teilnehmenden der diesjährigen DZLM-Jahrestagung am 6. September 2014 auf dem Campus der Universität Duisburg-Essen einen ganzen Tag lang mit viel Begeisterung ausprobiert.

Essen. Theorie muss nicht automatisch grau sein (frei nach Mephisto in Goethes „Faust“). Sie ist in der Wissenschaft vielmehr die wichtige Basis, auf der alles weitere und Anwendungsbezogene entsteht. Doch die Umsetzung dieser Erkenntnisse ist mindestens ebenso wichtig – und sollte außerdem Spaß machen. Zumal wenn es sich um die Fortbildung von Lehrpersonenn und Multiplikatoren in der Mathematik handelt, die in ihren Schülerinnen und Schülern bzw. ihren Kolleginnen und Kollegen Begeisterung für das Fach wecken oder wiederbeleben wollen.
 
Dieses Prinzip ist auf der diesjährigen DZLM-Jahrestagung mit dem Thema „Fort- und Weiterbildung konkret“! voll aufgegangen. Aus zwei Dutzend Workshops für Primar- und Sekundarstufe – vierzehn für Lehrpersonen-, zehn für die Multiplikatorenfortbildung – konnten sich die insgesamt 260 Teilnehmenden heraussuchen, was sie am meisten interessierte. Das Motto dabei: „Hands on“ – einfach ausprobieren und sich währenddessen und anschließend mit den Kolleginnen und Kollegen darüber austauschen.

Fortbildung als wichtige, länderübergreifende Aufgabe

Zur Einstimmung auf das Thema der Tagung gab DZLM-Direktor Jürg Kramer, Professor für Mathematik und ihre Didaktik an der Humboldt-Universität zu Berlin, einen kurzen Überblick über die Struktur und Arbeitsweise des Zentrums. Das DZLM sieht sich als Schnittstelle und zentralen, länderübergreifenden Ansprechpartner in Sachen Fortbildung für den Mathematikunterricht. Diese Aufgabe ist umso wichtiger, als eine zentrale Unterstützung der Länder bislang fehlt. Das erklärte Ziel ist demzufolge eine Erweiterung des mit Fach-Experten entwickelten DZLM-Fortbildungsangebots, das von den einzelnen Bundesländern abgerufen werden bzw. mit diesen nach ihren individuellen Bedürfnissen entwickelt werden kann.

Jürg Kramer (Direktor des DZLM)

Im Mittelpunkt: die Bedürfnisse der Teilnehmer

 Bärbel Barzel

Das Themenspektrum war mit Bedacht breit und dennoch nach bestimmten Schwerpunkten gewählt, die viele Lehrpersonen in ihrem Unterricht bewegen – wie etwa Heterogenität im Klassenzimmer oder auch kollegiales Coaching. So konnten die Teilnehmer, die aus ganz Deutschland angereist waren u.a. unter folgenden Workshop-Themen wählen: Sprachsensibler Mathematikunterricht, produktives Fördern in der Primarstufe oder Stochastik in der gymnasialen Oberstufe. Weitere Themen waren: Differenzierung in unterschiedlichen Lernphasen, Aufbau von Größenvorstellungen in der Primarstufe oder die Initiierung und Begleitung von schulinternen und schulübergreifenden Professionellen Lerngemeinschaften.

Bärbel Barzel, Vorstandsmitglied des DZLM und Professorin für Didaktik der Mathematik in Duisburg-Essen, gab in ihrer auf Jürg Kramer folgenden Präsentation einige anschauliche Beispiele, wie gute Fortbildungen gestaltet werden sollten: kompetenzorientiert, teilnehmerorientiert, kooperationsanregend, teilnehmerorientiert, fallbezogen, vielfältig und (selbst)reflexionsanregend.

Eine gelungene Mischung für den Erfahrungsaustausch

Was dies im Einzelnen bedeutet – davon konnten sich die Teilnehmer anschließend in einer Vormittags- und in einer Nachmittagssession  in den Workshops selbst überzeugen. Von vielen Seiten kam positives Feedback. So meinte etwa eine Teilnehmerin aus Thüringen, die sich unter anderem für den Workshop „Zum Aufbau von Größenvorstellungen“ entschieden hatte: „Die Veranstaltung war eine gelungene Mischung aus Auffrischung der Theorie, Verknüpfung mit dem Lernbereich der Arithmetik und praxiserprobten Ideen zum Aufnehmen und Ausprobieren.“ Eine weitere Teilnehmerin zeigte sich ebenfalls sehr zufrieden: „Ich hatte die Gelegenheit, mich während des gesamten Workshops aktiv zu beteiligen, mich mit den anderen Teilnehmern auszutauschen und an meine eigenen Erfahrungen anzuknüpfen.“

Auch Workshops wie „Sprachsensibler Mathematikunterricht – Ansätze und Herausforderungen“ bescherten so manchem ein „Aha“-Erlebnis: So legte beispielsweise ein eingespielter Videofilm die sprachlich-grammatikalischen Missverständnisse offen, die hinter einer scheinbar simplen Textaufgabe lauern. Ein komplizierter Satzbau mit unklaren Bezügen der Wörter untereinander kann so besonders bei Schülerinnen und Schülern, die keine deutschen Muttersprachler sind, zu großer Verwirrung und Verunsicherung führen.

     
Impressionen aus den Workshops

Professionelle Lerngemeinschaften und Präsenz im Unterricht

 
Auch dort, wo es in den Workshops um kollegiales Coaching und Professionelle Lerngemeinschaften ging, brachten viele Teilnehmende anschließend neue Impulse mit in die Pause. Als ein kleines Highlight erwies sich zudem der für die Tagung engagierte Zauberkünstler und Coach Johannes Florin, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Gaston. Er unterhielt das Publikum im Rahmenprogramm rund um die Workshops nicht nur mit amüsanten improvisierten Geschichten und Zaubertricks, sondern leitete als Coach auch den Workshop „Souveränität und andere Fertigkeiten“. Darin regte er die Teilnehmer in kleinen, ebenso praktischen wie kurzweiligen Übungen an, über ihre körperliche Präsenz im Unterricht und ihr Auftreten vor den Schülerinnen und Schülern nachzudenken.

Johannes Florin (Coach und Zauberkünster "Gaston")

Starke Forschungsleistung und Nachwuchsförderung

Die Pre-Conference – der Tag vor der Jahrestagung – gehörte traditionell wieder dem wissenschaftlichen Nachwuchs und seinen Präsentationen. Die DZLM-Fortbildungen werden auf der Basis intensiver Forschung entwickelt und durch fortwährende Begleitforschung weiterentwickelt.  Und dabei spielen auch die Promovierenden eine große Rolle. „Die praxisnahe Entwicklung und Durchführung von forschungsbasierten Fortbildungen und die gleichzeitige Förderung von Nachwuchswissenschaftlern und ihren Forschungsvorhaben ist ein Alleinstellungsmerkmal des DZLM“, sagte DZLM-Direktor Jürg Kramer und wies auf die große Zahl von Dissertationen hin, die innerhalb des DZLM und an den kooperierenden Standorten entstehen.

Die vorgestellten Forschungsprojekte bilden das breite Spektrum des Zentrums ab. So beschäftigen sich die Vorhaben beispielsweise mit „Diagnostischen Fähigkeiten fachfremd unterrichtender Mathematiklehrpersonen der Grundschule: Eine Untersuchung zur Analyse von Vorgehensweisen und Fehlertypen bei der halbschriftlichen Subtraktion im Zahlenraum bis 1000“ oder mit der „Evaluation der Effektivität einer DZLM-Fortbildungsreihe zum graphikfähigen Taschenrechner auf Schüler-Ebene“.

 Günter M. Ziegler

 
Andere Vorhaben nehmen „Untersuchung der Wirkungen eines Fortbildungskurses für fachfremd unterrichtende Mathematik-lehrpersonen auf die Einstellungen und das Professionswissen der Teilnehmer“ in den Blick oder „Förderdiagnostische Kompetenzen von Grund- und Förderschullehrpersonen im inklusiven Mathematikunterricht am Beispiel des Sachrechnens“. In diesem Jahr wurde auch erstmals ein Doktorandenprojekt zum elementarpädagogischen Bereich vorgestellt: „Entwicklung eines videobasierten Instruments zur Erhebung mathematikdidaktischer Handlungskompetenzen“.

Das „Bonbon“ zum Schluss

Sehr unterhaltsam rundete der Festvortrag von DZLM-Vorstands-mitglied Prof. Günter M. Ziegler (Freie Universität Berlin) die DZLM-Jahrestagung ab. Unter der Überschrift „Mathematik: Das kann doch keine Kunst sein?“ – angelehnt an den Titel seines 2013 erschienenen Buches „Mathematik – Das ist doch keine Kunst!“ – nahm er die Tagungsteilnehmer mit auf eine Zeitreise durch die Welt der Kunst und der Wissenschaft und deren Bezug zur Mathematik. Wie um den Zuhörern zu zeigen: Sie haben sich das schönste und spannendste Fach der Welt ausgesucht!
 
Mehr Informationen zu dem Buch von Günter M. Ziegler, „Mathematik – Das ist doch keine Kunst“ (Random House, 2013),  finden Sie hier.

Das Tagungsprogramm mit den Workshop-Themen und Referenten finden Sie hier.

 

 

Material zum Download

Einige der Referentinnen und Referenten haben uns freundlicherweise ihre Präsentationsfolien zur Weitergabe zur Verfügung gestellt.

Referenten Titel & Download
Luise Eichholz, Elena Zannetin, Christoph Selter Fortbildung fachfremd unterrichtender Lehrpersonen
Julia Berlin-Bonn, Regina Bruder, Axel Böhnke Vom Modellieren über Problemlösen bis zur Binnendifferenzierung – Konzepte und Inhalte von Online-Fortbildungskursen
Rolf Biehler „STOCHASTIK in der gymnasialen Oberstufe mit dem GTR“
Gaby Heintz GeKoDyn: Kompetenzorientiert und dynamisch – mit alten und neuen Medien Geometrie lehren und lernen
Susanne Prediger Sprachsensibler Mathematikunterricht - Ansätze und Herausforderungen
Marcus Nührenbörger Produktives Fördern
Bettina Rösken-Winter Professionelle Lerngemeinschaften initiieren und begleiten