Fremd im Fach: Positionen und Forschungsbefunde zum fachfremden Unterrichten

In diesem Vortrag am DZLM wird Dr. Raphaela Porsch von der WWU Münster neben verschiedenen Positionen zur Erforschung von Lehrpersonen, die ohne die formale Qualifikation in einem Fach regelmäßig unterrichten, die Verbreitung sowie den Stand der Forschung international und national vorstellen. Von diesen Befunden ausgehend sollen Desiderata für zukünftige Forschungsarbeiten diskutiert werden.

Termin 20. Januar 2017, 10:15–11:45 Uhr
Veranstaltungsort DZLM | Humboldt-Universität zu Berlin, Hausvogteiplatz 5–7, 10117 Berlin | Raum 202, 2. OG
Veranstalter DZLM
Ansprechpartner/Kontakt Dr. Birgit Öttl (birgit.oettl@dzlm.de)

 

Hintergrund 

Fachfremdes Unterrichten und seine Auswirkungen spielten in der Diskussion und Forschung der deutschen Erziehungswissenschaft bisher eine eher marginale Rolle (Törner & Törner 2010, Porsch 2016). Dagegen liegen u. a. aus den USA (z.B. Dee & Cohodes 2008) und Australien (z. B. McConney & Price 2009) seit mehr als zwei Jahrzehnten umfangreiche Forschungsarbeiten auf dem Gebiet und eine Diskussion zur Frage „Does teacher certification matter?“ (vgl. Goldhaber & Brewer 2000) vor. Ausgelöst durch die Berichte zu den Ländervergleichen in der Primarstufe (Richter u. a. 2012) und in der Sekundarstufe I für Mathematik und die Naturwissenschaften (Richter u. a. 2013) haben Bildungspolitiker in Deutschland auf Grundlage empirischer Ergebnisse stärker über Auswirkungen fachfremden Unterrichts und die Ableitung von Konsequenzen öffentlich diskutiert.

Quantitative Arbeiten versuchen Unterschiede in den Schülerleistungen mithilfe der formalen Qualifikation von Lehrkräften zu erklären (z.B. Klusmann & Richter 2014, Porsch & Wendt 2015). Besorgniserregend erscheinen einige der Befunde, da sie Hinweis darauf geben, dass Schülerinnen und Schüler Nachteile in ihrer Leistungsentwicklung erfahren können, sofern sie fachfremd unterrichtet werden. Im Grundsatz gehen diese Arbeiten von einem defizitorientierten Ansatz aus, der im Sinne kompetenztheoretischer Vorstellungen über professionelle Kompetenzen von Lehrkräften (vgl. Baumert & Kunter 2006) vor allem Lücken im Fachwissen und im fachdidaktischen Wissen als Erklärung heranziehen. Ein anderer Fokus vorwiegend qualitativer Forschungsarbeiten liegt auf der Frage, wie Lehrkräfte mit der Herausforderung des fachfremd erteilten Unterrichts umgehen (z.B. Hammel 2011). Anknüpfend an Forschung zur Entwicklung professioneller Identität von Lehrkräften (vgl. Beijaard et al. 2004) kann das Phänomen ebenso als Lernchance betrachtet werden. Nach diesem Verständnis entwickelte Hobbs (2012) das Boundary-Between-Fields-Modell und nutzte es zur Beschreibung von fachfremd unterrichtenden Lehrkräften, ob sich diese „in-field“ oder „out-of-field“ fühlen.